(C) Jens Pussel
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Mein Block.

Dienstag, 1. November 2016.

Heute ist Buch Ä-Day.

Was lange währt ist endlich gut geworden. Das Buch Ä ist draußen und bereits bei den ersten Vorbestellern eingetroffen. Glücklicher kann man nicht sein.

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Sonntag, 25. September 2016.

Hagen Liebing (1961-2016)

Vor zwei Jahren hat Hagen Liebing im Berliner „TIP“ einen wunderschönen Nachruf auf Michael Wahler alias Cäpt'n Suurbier geschrieben. Nun ist er am 25. September 2016 nach schwerer, kurzer Krankheit selber verstorben. Auch wenn er von seinen erlebten 55 Jahren ihnen nur knapp drei Jahre angehörte, so bleibt sein Wirken wohl auf ewig mit seiner Zeit als Bassist von Die Ärzte verbunden. Hagen kam damals wie die Mutter zu dem Kind zu diesem Job. Die Band hatte sich unliebsam von seinem Vorgänger Hans "Sahnie" Runge getrennt und war seinerzeit auf der Suche nach einem ruhigen und verlässlichen Vertreter seiner Zunft. Das musikalische Können war sogar zweitrangig, viel wichtiger war es für Bela B und Farin Urlaub, dass es auf der zwischenmenschlichen Ebene stimmte. Da fiel Bela Hagen ein, den er aus seinen Anfangstagen als Berliner Punkrocker kannte und dessen ausgeglichene Art er stets mochte und schätzte. Bela war sich sicher, dass Hagen perfekt passen würde und stellte ihm nach Absprache mit Farin die berühmte gewordene Frage: Hagen, willst du Popstar werden?

Zu dieser Zeit war Hagen eigentlich schon auf eine Laufbahn als Medien-Student eingestellt, doch dieses unmoralische Angebot konnte er nicht ausschlagen. Trotzdem wollte er sein Studium nicht hintenan stellen und so wurde er nicht festes Mitglied, sondern bloß "Leihbassist" - eine Bezeichnung, die er nie wirklich mochte. Natürlich brauchte auch er einen Künstlernamen. Statt Gurki taufte man ihn The Incredible Hagen, was sicherlich die bessere Wahl war. Selbst in seinem Künstlernamen schwang dabei seine Bodenständigkeit mit. Er war nun zwar Incredible, aber trotzdem immer noch Hagen. Die folgenden drei Jahre wurden wohl die schillerndsten seines Lebens. Er erlebte zusammen mit Bela und Farin das, was andere Bands nicht mal in 30 Jahren erleben. Indizierungen, kreischende Teenagerhorden, Auftrittsverbote, wütende Frauengruppen, ausverkaufte Hallen, Skandalauftritte im Fernsehen, goldene Schallplatten und ein Abschiedskonzert auf Westerland. Hagen war dabei stets loyal. Er war stolz Teil dieser Band zu sein und hat es genauso wenig wie Bela und Farin eingesehen vor irgendwelchen Sittenwächtern und Moralaposteln zu kuschen. Wenn es mal rechtliche Nachspiele gab (und die gab es in seiner Zeit bei der Band häufig), wollte Hagen dafür ebenfalls gerade stehen - man war eben „Partners in Crime“. Während Bela und Farin ihm das Rechnen beibrachten, was er allabendlich bei den Konzerten dem Publikum stolz präsentierte (Wieviel sind 1000 Mädchen plus 1000 Mädchen), legte er ihnen Powerpop-Bands wie The Replacements oder Ostrock-Bands wie Pankow ans Herz, denn Hagen war ein Musik-Nerd.

Ende 1988 schoss das legendäre Dreifach-Livealbum „Nach uns die Sintflut“ der Die Ärzte auf Platz 1 der deutschen Charts (damals war das noch was). Hagen ist hier am Bass, am Background-Gesang und bei den Ansagen zu hören. Eigentlich waren Die Ärzte zu diesem Zeitpunkt der Veröffentlichung schon aufgelöst, doch erst jetzt wurden sie so richtig berühmt. Hagen begleitete Bela und Farin infolgedessen noch zu einigen offiziellen Anlässen. Einer davon war eine Party der Fernsehsendung Formel 1. Als Bela und Hagen in der Lobby ihres Hotels Udo Lindenberg passierten, hörten sie den Concierge so etwas sagen wie „Für Udo, es gibt nur einen Udo in Deutschland“, worauf Hagen in die Runde fragte, ob Udo Jürgens auch da wäre. Bela war da mächtig stolz auf Hagen. Während Bela und Farin kurz darauf ihre Solokarrieren starteten, führte Hagen sein Studium zu Ende und läutete seine journalistische Laufbahn ein. Er wurde Redakteur beim Berliner „Tagespiegel“, später beim „TIP“ und war Gag-Autor für die Late-Night-Shows von Thomas Koschwitz und Harald Schmidt. Anfang der 90er Jahre lernte er Anja Caspary, die Liebe seines Lebens, kennen, mit der sich 1994 über das erste Kind freute. Das Thema Die Ärzte war da schon längst für ihn abgehakt und doch beschäftigte es ihn zwangsläufig wieder, denn Bela und Farin hatten sich 1993 nach dem erfolglosen Abschneiden ihrer Solokarrieren zu einer Reunion entschlossen. Hagen hatten sie wissentlich nicht eingeweiht. Sie hatten Angst, er würde in seiner neuen Funktion als Journalist gleich eine entsprechende Schlagzeile verfassen und die Reunion verraten, bevor sie offiziell verkündet worden wäre. Hagen war sehr gekränkt, dass man ihm nicht zutraute die Klappe zu halten. Die Nicht-Berücksichtigung als Bassist konnte er hingegen sehr gut verstehen, denn es wäre für ihn inzwischen kaum möglich gewesen zeitgleich noch einem Job als Musiker nachzugehen. Nach einer Weile der Funkstille näherten sich die alten Weggefährten schließlich wieder einander an. Hagen steuerte zusammen mit seiner Anja eine Version von „Für immer“ zu einem Die Ärzte-Tributsampler bei und Die Ärzte bedachten ihn mit exklusiven Stories. Als Die Ärzte 2002 vor über 35.000 Zuschauern in Berlin ihren „15 Jahre netto“-Geburtstag feierten wurde Hagen dazu eingeladen mit Ihnen „2000 Mädchen“ zu spielen. Dafür gab es tosenden Applaus vom Publikum und von Bela eine Flasche des von Hagen innig geliebten Eierlikörs.

Kurz darauf beendete jedoch die Veröffentlichung seiner Tagebücher aus seiner Zeit mit Die Ärzte die Beziehung zur Band. Was für Hagen ein journalistischer Auftrag war, wurde von Bela und Farin ob der darin enthaltenen privaten Details als klarer Vertrauensbruch angesehen. Danach gab es kaum noch Kontakt. Hagen ging weiter seiner journalistischen Tätigkeit als Musikredakteur beim „TIP“ nach. Er beobachtete, kommentierte und führte Gespräche - mit Verstand, fundierter Kenntnis und viel Charme. Er war noch immer der gleiche Musikverrückte, der er schon damals war.

Im Rahmen meiner Recherchen für eine Ärzte-Biographie sprach ich auch mit Hagen über die Band. Man merkte zwar, dass das Verhältnis zu ihr inzwischen deutlich abgekühlt war, doch Hagen gab mir immer bereitwillig Auskunft und war so wie er mir stets beschrieben worden ist: sympathisch, hilfsbereit und aussagekräftig. Wenn ich mit anderen Zeitzeugen über ihn sprach, hatte jeder nur gute Worte für ihn übrig. 2015 traf ich ihn im Rahmen des Radio Eins-Parkfestes in Berlin, wohin er Anja, die inzwischen Musikchefin des Senders war, begleitete. An diesem Abend kam er zum ersten Mal auch mit seinem Vorgänger bei Die Ärzte, Hans „Sahnie“ Runge, der mit den Suurbiers vor Ort war, ins Gespräch. Auch dieser beschrieb ihn mir später als „echt netten Typen“. Ende August 2016 hakte ich bei ihm noch mal wegen eines Statements zur Reunion der Band nach. Mir ging es dabei um seine Gefühle. Er sagte mir: „Aber die Zeit heilt bekanntlich und auch wirklich Wunden – erst recht, wenn darüber Jahrzehnte vergehen.“ Zu dieser Zeit trug er wohl schon einige gravierende Wunden mit sich herum und es ist mir inzwischen schon etwas peinlich, dass ich ihn mit so etwas eigentlich Unwichtigem belästigt habe. Aber selbst da war Hagen immer noch so, wie ich ihn stets erlebt habe und wie ihn alle beschrieben haben: ein Guter.


Ich werde ihn nicht vergessen und habe die Hoffnung, dass er jetzt hoch oben auf irgendeiner Wolke mit Dee Dee Ramone, Lemmy Kilmister und John Entwistle über Bassisten-Witze lacht. Meine Gedanken sind dabei bei denen, die ihn liebten und nun vermissen werden - allen voran seiner geliebten Anja und seinen beiden Kindern.

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© Stefan Üblacker