(C) Jens Pussel
(C) Jens Pussel
 

Miles and More 2019: Der Versuch eines Reiseberichts

Eins vorweg: Natürlich ist es schon irgendwie behämmert seiner Lieblingsband für 10 Konzerte quer durch Europa zu folgen. Doch natürlich ist es auch schon sehr geil, denn 1. sah es lange Zeit überhaupt nicht danach aus, dass sich so eine Gelegenheit überhaupt noch mal bieten würde und 2. spielt die Band dort in Läden einer Größenordnung, in denen man sie lange nicht mehr erlebt hat und danach wohl auch lange nicht mehr sehen wird. Alles intimer, alles aufregender, alles einfach surrealer. Als ich DAS BUCH Ä fertig hatte, wollte ich im Bezug auf die Band am Ende nur eines: Wenigstens noch einmal ein ganzes Konzert von BelaFarinRod sehen, noch einmal Zu spät hören und tatsächlich: Meine Wünsche wurden erhöht und sogar noch übertroffen. Als die „Miles And More“-Tour bekannt gemacht worden ist und das Routing bekannt war (neudeutsch für Streckenführung oder so ähnlich) war klar, dass es schon allein eine logistische Herausforderung werden würde alle 10 Konzerte mitzumachen – von der Ticketsituation noch ganz zu schweigen. Irgendwann stand die irrsinnige Idee im Raum sich einfach einen eigenen Nightliner zu chartern und tatsächlich haben wir das halt einfach so gemacht. Und so stehen wir dann an einem Mittwoch Morgen Mitte Mai irgendwo in Bonn vor so einem schwarzen Ungetüm an Bus und begreifen jetzt erst so richtig, dass das alles real ist (kneif mich mal – AU!).

Mittwoch, 15. Mai 2019

Feine Sahne Fischfilet würden uns entgegenrufen: „Es geht los, es geht los ...“. Und tatsächlich: Nach gefühlt einer halben Ewigkeit an Vorbereitungszeit ist nun endlich der Tag der Abfahrt gekommen. Aufregung ist noch untertrieben, denn schon morgen (ja, morgen) werden wir die Die Ärzte endlich wieder live in Aktion sehen. So richtig glauben kann das noch niemand, aber ja, so steht es tatsächlich geschrieben. Nachdem wir all unseren Proviant (man beachte dabei die Prioritäten auf dem Bild) im Bus verstaut haben, geht es los. Unsere erste Etappe führt uns nach Frankfurt/Oder bevor wir morgen mit dem Schwert nach Polen weiterziehen werden um von den Meistern eine Lektion in Sachen Rock gelehrt zu bekommen. Die Pointer Sisters hätten gesagt: I'm so excited. 

Doch zunächst bietet die Fahrt erstmal Gelegenheit für Power-Nappings während man über die Asphaltdecke (der Asphalt schimmert grün) chauffiert wird. Wenn, ja wenn, nicht dieses Hannover wäre. Diese Stadt an der Leine mit der festinstallierten Verkehrsverdichtung. Anyway: Unser Magical Mystery Bus keeps rollin' und am Abend sind wir dann tatsächlich irgendwann an der deutsch-polnischen Grenze angekommen. Da irgendjemand (tüdelüdü) gemeint hat, dass seine Waschtasche besser zu Hause als unterwegs aufgehoben sei, plündern wir erstmal einen lokalen Drogeriemarkt bevor wir durch das „rappelvolle“ Frankfurt/Oder weiterziehen. 

Ein Bild, das Frankfurt/Oder ganz gut beschreibt.

Die Hektik ist hier in dieser Grenzstadt allgegenwärtig, das Stimmwirrwarr, das Dröhnen des Verkehrs – ja, Frankfurt/Oder so hat man den Eindruck steht kurz vor dem Kollaps. Eine Stadt am Scheideweg (oh, er hat Scheide gesagt, hihi). Damit wir nach dem Essen nicht dem Fresskoma anheim fallen, steht noch etwas Sport auf dem Programm. Bowlen bei Polen sozusagen. Der Abend klingt dann anschließend mit einem kleinen kuscheligen DVD-Abend aus, bevor sich der Bus gegen 3 Uhr wieder in Bewegung setzt.

Das Ziel dieser Fahrt ist Warschau.

Donnerstag, 16. Mai 2019

Warschau! In diesem Namen steckt ja auch schon das Wort Schauer irgendwie mit drin und tatsächlich ist das erste Wetter, was uns Warschau entgegen schickt nicht gerade angenehm – üsselig ist es, so würde man im Rheinland sagen. Damit unser winziger Bus (ähem!) den heutigen Stellplatz einnehmen kann, müssen wir erstmal den Verkehr auf der Hauptstraße zum Erliegen bringen. Das überaus geschickte Einlenkmanöver unseres Busfahrers Christian (ein Hoch!) legt den Verdacht nahe, dass er das nicht zum ersten Mal macht. So beziehen wir dann unser idyllisches Quartier im kleinen Buchenhain des übersichtlich geratenen Campingplatzes. Nachdem der Bus zum Stehen gekommen ist, gibt es kein Halten mehr. Sofort rennen der Schulz und ich los um Kontakt zu den Einheimischen aufzunehmen – doch wir verstehen sie nicht. Wir laufen uns im nahegelegenen Park Szczesliwicki (und jetzt alle nachsprechen!) die Lunge aus dem Leib. Werden dafür aber mit einem schönen Blick auf die Warschauer Skyline belohnt, den wir nach dem Erklimmen des lokalen Skihangs erhaschen.

 

Es folgt das Übliche: Duschen, Essen, Trinken, Aufräumen. Die Reihenfolge variiert dabei durchaus von Fahrgast zu Fahrgast – manche überspringen auch ganze Schritte. Am frühen Nachmittag setzen wir uns dann Richtung Altstadt in Bewegung. Wir lassen drei Taxen rufen und liefern uns eine wilde Verfolgungsjagd durch Warschau. „Folgen Sie diesem Wagen!“, ein Satz, der durchaus hier in Warschau entstanden sein könnte. Ziel ist der Dom Literaturi, was sich jedoch beim genaueren Betrachten als Hotel herausstellt und zudem erklärt warum der Taxifahrer so skeptisch geguckt hat als wir von einem Campingplatz zum Hotel gebracht werden wollten. Nacheinander trudeln alle mit ihren Taxen ein. Team 2 hat immerhin einen Tipp für ein gutes Piroggen-Restaurant mitgeliefert bekommen, den wir nach einem kurzen Durchmarsch durch die historische Altstadt Warschaus beherzigen. I wanna Piroggen'n'Roll all night and party every day, so lautet das Motto und wir hauen uns sprichwörtlich die Bäuche voll. So sehr, dass wir Angst haben, dass unsere Bauchnäbel nach aussen plöppen könnten. Mit unserem Knoblauchatem versuchen wir diese Furcht zu kaschieren. 

Nachdem wir dem Restaurant entflohen sind, kommt tatsächlich auch die Sonne raus und taucht die Altstadt von Warschau in ein wunderschönes Licht und ja, wir können gar nicht anders als diese Momente fotografisch festzuhalten. Ich nutze dabei die Gelegenheit meinen Selfiestick auszuprobieren. Ja, ich gebe offen zu: Ich habe so ein Ding und ja, ich werde es benutzen. Ich habe nebenbei auch festgestellt, dass der Selfiestick im ausgefahrenen Zustand auch gut dazu dient Hoodie-Träger an ihren Kapuzen wieder zu sich zu ziehen. Ein Spiel, an dem aber offenbar nur ich so meine Freude zu haben schein. Gegen 18 Uhr kommt dann doch der Wunsch auf, dass man sich jetzt auch langsam mal Richtung Veranstaltungsort aufmachen könne. Schließlich geht es dort ja schon um 20 Uhr los. Naaa gut!

Mein Vorschlag den Weg mit Hilfe der allgegenwärtigen eRoller zurückzulegen findet leider kein Gehör bzw. wird der Einwand geltend gemacht, dass man ja heil ankommen möchte. Nach einigem Hin und Her wird sich darauf verständigt den Fahrdienst Uber mit der Verschickung unserer Reisegruppe zu beauftragen. Das klappt bei zwei von drei bestellten Fahrzeugen auch recht gut. Bei dem dritten Fahrzeug (jetzt ratet mal, in welchem ich sitze …) offenbaren sich die Tücken des Systems, denn (und diesen Rat möchte ich euch gerne mitgeben) man sollte sich beim Einsteigen schon erkundigen, ob man auch wirklich in das richtige Fahrzeug mit dem gewünschten Ziel gestiegen ist. Sonst kann es nämlich durchaus vorkommen (also natürlich nur in der Theorie), dass man ein völlig falsches Ziel in einer völlig falschen Richtung ansteuert. Und das möchte doch nun wirklich niemand.

Na ja, nach ein bisschem gutem Über- und Zureden hatte der Fahrer dann doch die Fahrt Richtung Progresja aufgenommen. Immerhin wurden wir so mit einem Blick auf den durchaus beeindruckenden Kulturpalast belohnt und wissen nun, dass es auch in Warschau so etwas wie Feierabendverkehr gibt.

Irgendwann haben wir dann tatsächlich das Progresja erreicht und dort angekommen fühlte man sich durchaus wie in einer kleinen Zeitschleife, denn tatsächlich standen vor dem Club all die Nasen und Näsinnen, die man teilweise 6 Jahre lang nicht gesehen hat. Im Club selbst war es merklich ruhig – vielleicht war man andächtig. Kurz nach 20 Uhr war es dann aber tatsächlich soweit. Nachdem Zaratustra sprach, betraten BelaFarinRod die Bühne und legten mit ihrer Rückkehr los. Und ja, schon nach ein paar Liedern wurde mir klar, was ich soooo schmerzlich vermisst habe in all den letzten Jahren. Die Setlist war fein ausgearbeitet und hatte durchaus viel Ähnlichkeiten zu meiner kürzlich geposteten Wunschsetlist. Ich beschloss mich völlig zu verausgaben und treiben zu lassen. Bela ließ zwischendurch anklingen, dass die Band und das Proben wohl keine großen Freunde mehr werden würden. Der Stimmung tat das aber keinen Abbruch. Mit der war es nach Hits wie Schunder-Song, Wir sind die Besten, Ich ess' Blumen oder Fiasko eh zum Besten bestellt. Für die Kenner gab es mit Klaus, Peter, Willi und Petra noch einen Song zu hören, den die Band mit ihrem neuen Bassisten so noch nie gespielt hat – sehr zu meiner Freude. Nach gut 2 ½ Stunden war es dann geschehen. Mit Hurra wurde das letzte Lied gespielt. Anschließend begann die schonungslose Analyse. Das soeben Erlebte wurde bis ins Kleinste seziert – nur am Ende festzustellen, dass man soeben wohl doch wieder die beste Band der Welt (oder so ähnlich) gesehen hat. Auf jeden Fall hatten alle, die ich traf, ein unverschämtes breites Grinsen aufgelegt. Kurz nach Mitternacht setzte sich dann unser Bus wieder in Bewegung. Ich hatte noch so viel vor. Ich wollte noch so viel machen. Wollte die Nacht zum Tag machen. Aber es sollte alles ganz anders kommen. Denn als ich plötzlich erwachte war es 8 Uhr morgens und wir waren in einem Land angelangt, das mir seltsam unbekannt vorkam. Wir waren in Tschechien.

Freitag, 17. Mai 2019

Prag! Wir sind wieder da und die Die Ärzte auch. Etwas früher als geplant kommen wir in der Stadt an der Moldau an. Unser Stellplatz für die nächsten beiden Nächt offenbart sich zugleich als Abstellort für diese unsäglichen Bier-Bikes und Kutschen – hat aber wenigstens Strom. Auf dem Papier hat der Platz auch Toiletten, doch deren Reinigung war offenbar schon etwas länger her (wie lange gibt’s die CSSR jetzt schon nicht mehr?). Na ja, dafür gibt es Ausweichmöglichkeiten in der näheren Umgebung. Zum Beispiel die Feierlichkeiten einer geschlossenen Gesellschaft. Hierbei sei gesagt, dass es bei Nightlinern eine goldene Regel gibt: Im Bus wird nicht gekackt. Es sei so viel verraten, dass diese Regel zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu allen durchgedrungen ist – schöne Scheisse! 

Mit viel Freizeit ausgestattet setzen wir uns dann Richtung Innenstadt in Bewegung um um sich dort gemeinsam mit ortskundigen Menschen an den kulinarischen Vorzügen dieser Stadt zu berauschen. Das Auffinden einer geeigneten Lokalität gestaltet sich trotz vermeintlich ortskundigem Beistand zunächst recht schwierig, endet dann aber in einer formidablen Lokalität am Marktplatz, wo es 1.) Gulasch, 2.) Knödel und 3.) Bier gibt. Auf dem Hinweg zum Lokal mache ich Bekanntschaft mit einer Süßspeise namens Trdelnik, deren Geschmack ich sogleich so sehr in mein Herz schließe, dass ich mich ihrem wohlschmeckenden Zauber kaum noch verwehren mag. Doch der ausgiebige Restaurantbesuch und jede Menge Trdelnik fordern ihren Tribut und erhöhen bei mir die Erdanziehungskraft. Ich beschließe daher noch ein einstündiges Powernapping im Bus einzulegen um hinterher natürlich festzustellen, dass ich nun noch müder als vor dem Schlafen bin. Na prima! Wie gut, dass wir gleich Richtung Lucerna aufbrechen müssen um eine uns bekannte Band spielen zu sehen.

Die mysteriöse Tür

Die Ärzte spielen im Großen Ballsaal (Velky Sàl) des Lucerna und der bietet eine unglaublich schöne Kulisse. Der Saal erstreckt sich über drei Ebenen, die an drei Seiten von Logen umgeben sind. Um ins Parterre zu gelangen, muss man zwei Stockwerke tiefer gehen. Da ich heute faul bin schaue ich mir erst mal das Ganze von oben an. Auf einmal erregt eine geheimnisvoll anmutende Tür mein Interesse. Dort steht in goldenen Lettern „Lóze c. 4 - 2. balkon“. Ich wage es diese zu öffnen und erblicke dahinter eine komplett leere, sitzmöbilierte Loge mit bestem Blick zur Bühne. Hmmh, na ja, also von hier oben kann man sich das auch schön anschauen, denke ich mir, und schreibe sofort allen, dass ich uns eine Loge gemietet habe. Ist natürlich schamlos übertrieben und gelogen, kommt aber gut an im Freundeskreis. Ein weiterer Vorteil ist, dass hier die Getränkeversorgung bestens ist – im Gegensatz zu sagen wir Warschau. Ein Nachteil hingegen ist, dass es hier oben nicht kühler als unten in der Dampfsauna ist (siehe Physik, Thermodynamik). Und so ist mein Shirt schon nach wenigen Konzertminuten klitschnass, denn Loge hin oder her: Bei einem Die Ärzte oder Beatsteaks-Konzert kann ich nicht ruhig sitzen bleiben. Das kann ich sowieso schon nicht gut. Die Luft im Lucerna lässt sich schon nach wenigen Minuten blockweise auseinandernehmen. Die Security fungiert zu ihrem eigentlichen Job parallel als Handtuchwedler (ich sehe da durchaus Jobperspektiven als Saunaboy).

Bela heizt mit seiner Skiffle-Group ein

Die Ärzte sind unterdessen bester Laune. Heute sitzt alles noch ein Stück besser als gestern und die Setlist wird ein wenig geändert. Statt Manchmal haben Frauen... trägt Bela Omaboy vor, statt von Gwendoline berichtet Farin von Ausserirdischen und statt Vermissen, Baby knödelt Rod Anti-Zombie. Gute Wahl, wie ich finde. Zwischendurch finden die Die Ärzte großen Gefallen daran ihrem Crewmitglied Willi mit einem Lied zu huldigen und finden heraus, dass man für das Reimschema wirklich jedes Wort auf „i“ enden lassen kann. Ja, da ist sie endlich wieder: Diese herrliche Macke, die so nur eine Band hat. Als die ersten Akkorde von Ist das alles? ertönen halte ich es dann nicht mehr auf dem Rang aus und stürze mich unten ins Getümmel. War mein T-Shirt vorher schon klitschnass, so fühlt es sich jetzt binnen Sekunden so an, als ob ich mir noch eine zweite Haut zugelegt hätte. Doch es ist mir so egal: Hier unten geht die Post und die Party ab und ich kann einfach nicht anders als hemmungslos zu strahlen. Wenn doch mal alles so schön wie ein die Die Ärzte-Konzert wäre.

Die Ärzte haben die Masse fest im Griff

Schön ist dabei auch die Idee der Band statt ihrer das Publikum den Text von Westerland singen zu lassen (sozusagen die größe Karaoke-Party der Welt). Erschreckend ist jedoch immer wieder, dass ein Großteil der Konzertbesucher nun schon seit über 30 Jahren noch immer nicht weiß, dass nach der ersten Strophe kein Refrain kommt. Ansonsten ist es überaus beeindruckend wie mächtig die Hits sind, die die Band vor allem im Zugabenblock nacheinander vom Stapel lässt und was diese mit den Besuchern machen. Vollkomme Glückseligkeit trifft es ganz gut, ist da aber irgendwie immer noch völlig untertrieben. Bald schon findet die Band dann mit dem finalen Dauerwelle vs. Minipli den Ausgang aus der Sauna. Wir führen noch ein paar Gespräche und machen uns dann auf den Weg Richtung Bus. Unterwegs nehmen wir noch einen kurzen Absacker und ich unterhalte die Karawane (of Love) mit ein paar Welt-Hits aus den 80ern und 90ern. Mir ist bis heute unerklärlich, warum meine Freunde dabei so weit vor mir gehen. Was hat das zu bedeuten?

Dabei sei übrigens noch verraten, dass ich keinen Alkohol trinke und jederzeit völlig zurechnungsfähig bin. Mir ist jetzt nur nicht ganz klar, ob es das schlimmer oder besser macht. Entscheidet selbst! Nach einer kleinen 90er-Party im Bus entschwinde ich dann in meine Koje, wo ich alsbald selig einschlafe. Ich habe wirklich alles gegeben und schlafe nun für euch. Morgen steht schließlich ein harter Sightseeing-Tag in Prag auf dem Plan und da muss man fit sein.

 

Samstag, 18. Mai 2019

Blick auf die die Karlsbrücke und den Hradcany

Weil Prag einfach so wunderschön ist, haben wir beschlossen (zack!) noch einen Tag dranzuhängen. Danke liebe Die Ärzte für diese schöne Tourplanung. Der Schulz und ich beginnen den Tag mit einer kleinen Joggingrunde an der Moldau entlang. Über die Karlsbrücke wechseln wir auf die andere Uferseite. Wir staunen, dass schon morgens reger Betrieb auf der Brücke herrscht, ahnen jedoch nicht, dass dies nur ein zarter Vorbote für die Menschenmassen sein wird, die sich nur wenig später darüber schieben werden. Als wir nach 7 km wieder den Bus erreichen drängt sich bei den anderen Insassen der Wunsch auf, dass wir duschen gehen sollten. Unser Skipper hat hier schon einmal Vorarbeit geleistet und ein Hotel mit Duschen und Swimming Pool in unmittelbarer Umgebung ausfindig gemacht, welches wir dann in nahezu geschlossener Formation aufsuchen. Der Swimming Pool entpuppt sich übrigens nicht als popeliges Becken, sondern hat Hallenbadformat. In Prag ist offenbar alles ein Idee größer. Der Schulz und ich ziehen ein paar Bahnen und stellen fest, dass uns jetzt eigentlich nur noch Fahrradfahren zum persönlichen Triathlon of the day fehlt. Na ja, man muss es ja nicht übertreiben und nein Bier-Bike-fahren wollten wir jetzt auch nicht machen. Nachdem alle wieder am Bus angelangt sind, machen wir uns auf Richtung Stadtzentrum.

Ein Teil unserer Reisegruppe vor beeindruckender Kulisse

Wir nehmen wieder die Ortskenntnisse eines guten Bekannten in Anspruch, der jedoch nicht sonderlich darüber erbaut ist, dass wir uns an einem Samstag Mittag mit ihm an der Karlsbrücke treffen wollen. Kurze Zeit später wissen wir auch schon den Grund. Das Treiben auf der Brücke erinnert ein wenig an einen Wildwasserstrom im Freizeitbad. Einmal drin, kommt man nur schwer wieder ans Ufer. Wahnsinn! Wir sind heilfroh als wir endlich das andere Ufer und die Prager Kleinseite erreichen. Nach dem Schreck brauchen wir erstmal eine Verschnaufpause und kehren in ein gemütliches Etablissment mit Prosecco-Garten (Biergarten wäre hier zu vulgär gesagt) ein. Dieser befindet sich direkt hinter einem Hanf-Laden, was die ein oder andere süßliche Duftnote erklärt, die unsere Nasen streichelt. Wir irren anschließend noch ein wenig durch die Straßen und erklimmen auf Wunsch eines einzelnen Herrn den Petrin-Hügel um einen Blick auf diese beeindruckende Stadt zu werfen. Ja, ich gebe zu, der mühselige Aufstieg hat sich schon gelohnt.

Der Biergarten des Fleku

Zur Belohnung plündern wir kurz darauf einen Captain Candy Laden und ziehen über die Legii Brücke Richtung U Fleku. Ein Brauhaus mit wunderschönem Biergarten und Geschichte, der zu DDR-Zeiten ein Treffpunkt der DDR-Blueserszene war, die vorwiegend aus Regime-kritischen Menschen bestand und vom Staatsapparat schwerstens beäugt wurde. Hier sammelten sich damals die gestrandeten Seelen und feierten, dass sie es hierhin geschafft hatten und besorgten sich die berühmten Anstecknadeln mit der Uhr, dem Wahrzeichen des Brauhauses. Wir genießen hier einfach das gute böhmische Essen und Trinken mit Bier, Hermelin (nein, nicht das Tier) und Knödeln. Das Brauhaus verzichtet übrigens auf große Bierauswahl. Zur Auswahl steht nur das Hausbier, nischt Anderes. Manchmal ist weniger halt auch mehr. Nach dem Biergarten-Besuch gehen wir dann getrennte Wege. Die einen wollen noch ein wenig durch die Straßen ziehen und leckere Getränke zu sich nehmen. Die anderen (u.a. ich) wollen noch einen Abstecher zur Prager Burg machen. Das überaus schöne Wetter drängt diesen Wunsch einfach förmlich auf. Wie wir so durch Prag ziehen, können wir inzwischen nicht anders als nur noch die Köpfe schütteln. Wir sind völlig überwältigt von so viel Schönheit an allen Ecken.

Oben auf der Prager Burg

Ey mal ehrlich, Prag: Bielefeld wäre froh über ein Tausendstel deiner architektonischen Schönheiten! Gib mal was ab! Der Handy-Speicher wird jedenfalls arg für Fotos missbraucht. Nach einem heftigen Aufstieg sind wir dann auf dem Hradcany-Hügel angekommen. Hier empfängt uns der Veitsdom und die Prager Burg in wunderbarstem Abendlicht und bietet zugleich einen beeindruckenden Blick über diese Stadt. Ja, ihr vermutet ganz richtig: Ich habe mich schwer in diese Stadt verliebt. Wir kehren für ein letztes Getränk in einer kleinen Gaststätte ein und machen uns dann auf dem Weg zum Bus. Dort ist die Stimmungslage bestens um nicht zu sagen hervorragend. Offenbar wurde bereits die ein oder andere Prickelbrause zu sich genommen. Ans Schlafengehen denkt jedenfalls niemand – abgesehen von unserem Skipper vielleicht, der vor ein paar Stunden noch vom Kuchenbuffet des bereits angesprochenen Hanf-Ladens genascht hat. So sind also fast alle noch wach als sich der Bus gegen 1 Uhr in Bewegung setzt. Mit dem Schulz an der Gitarre und dem Bus-Chor als Background singen und spielen wir alles, was uns so einfällt. Zwischen 3 und 4 Uhr gehen die Meisten dann in ihre Kojen bzw. werden gegangen. Als ich am nächsten Morgen aufwache bin ich irgendwo in Wien.

Bürger dieser Welt: Schaut auf diese Stadt!

Sonntag, 19. Mai 2019

Besagte Frühstückstafel

Wien, Wien, nur du allein! Na gut, ganz so euphorisch bin ich nicht als ich das erste Mal ein Auge aufmache. Ich bin echt tierisch müde. Heike und ihr Mann, der Schulz, haben in Yuliana eine Bekannte in Wien, die uns netterweise heute bei sich duschen lässt. So war es zumindest angekündigt. Damit wir arme Seelen nicht noch orientierungslos durch Wien torkeln müssen, holt sie uns auch noch an unserem Stellplatz ab und hat für uns auch noch ein Fresspaketel mitgebracht. Ich bin schon jetzt sprachlos, aber ich sollte recht bald schon völlig verstummen. Mit ihr zusammen fahren wir dann mit der Straßenbahn zu ihrer Wohnung. Selbstverständlich hat sie auch schon mal Tickets für uns alle gekauft. Dort angekommen darf ich freundlicherweise als Erster duschen gehen. Als ich wiederkomme steht im Wohnzimmer eine voll gedeckte Frühstückstafel. Also, ich bin ja nicht auf den Mund gefallen, aber das lässt mich echt verstummen und ist mir schon fast unangehm. Aber es ist auch alles so unglaublich lecker, dass ich gar nicht anders kann als hemmungslos zu schlemmen. Für die Alkoholfröner gibt es dann noch Sekt, Wodka und „Mädchenschnaps“ on top. Keine Termine und leicht einen Sitzen, so muss ein Sonntag in Wien beginnen. 

Wir rufen uns anschließend ein Taxi und bringen unsere Sachen zum Bus zurück. Wir verabreden uns mit Yuliana am Tor des Zentralfriedhofs, der nicht unweit von unserem Stellplatz entfernt ist. Dort wollen wir unter anderem die Ehrengräber von Udo Jürgens und Falco besichtigen. Das Wetter ist wunderschön und der Friedhof gehört unbedingt auf die Liste der Must-Sees in Wien. Es ist inzwischen um die 15 Uhr und am Ausgang des Friedhofs liegt das Kaffeehaus Oberlaa. Was soll man da machen? Also, bittschön! Ich bestelle mir Topfenknödel und überlege anschließend kurz ob ich nicht wieder zum Bus fahren und mich erstmal hinlegen soll, doch Yuliana will uns unbedingt ihre Stadt zeigen und ja, da kann man ja auch nur schwer „Nein“ sagen. Inzwischen sind wir auch alle wieder vollzählig und so folgen wir unserer charmanten Reiseleiterin auf Schritt und Tritt durch Wien (Hofburg, Stephansplatz, Stephansdom, Oper, etc.). Bei mir hat inzwischen schon eine völlige Reizüberflutung eingesetzt und ich nehme das Meiste mittlerweile kaum noch wahr bzw. als selbstverständlich hin (sicher das Gebäude hätte man auch kleiner und hässlicher machen können, aber was soll's?). Zudem bin ich hundemüde und so richtig am toten Punkt angelangt. Als wir nach einem weiteren Kaffeehausbesuch noch mal in eine Gastwirtschaft einkehren, nicke ich sogar kurz weg. Diese Powernapping scheint aber gut getan zu haben, denn danach geht es mir wieder besser. Allerdings ist es mittlerweile auch schon recht spät und wir ziehen wieder ab Richtung Bus. Natürlich nicht ohne uns herzlich bei Yuliane zu bedanken und uns von ihr gebührend zu verabschieden. Ollo stellt indes fest, dass sie ihre Postkarte, die sie Yuliana mitgegeben wollte, noch nicht geschrieben hat und erledigt das mal eben in Rekordzeit. Hier offenbaren sich immer mehr versteckte Talente.

Montag, 20. Mai 2019

Brrr!

Als ich das erste Mal ein Auge auftue ist es ca. 7 Uhr. Hmmh, das ist doch auch unsere geplante Ankunftszeit in Zagreb, denke ich mir und schaue aufs Handy bezüglich einer näheren Ortsbestimmung. Das verrät mir, dass es noch ca. 400 m zum geplanten Stellplatz sind. Das nenne ich mal Punktlandung! Ich eile runter zu unserem Fahrer um ihm beim Einparken behilflich zu sein. Der Stellplatz ist heute nur ca. 200 m vom Club entfernt. Den notwendigen Strom beziehen wir freundlicherweise von einem Elektrofachmarkt gegenüber. Waschbecken und WC finden wir im Vereinsheim des benachbarten Tennisclubs (kennt eigentlich noch jemand Goran Ivanisevic?). Duschen gibt’s leider keine. Ich bin so ziemlich der Einzige, der wach ist und beschließe erstmal Joggen zu gehen. Auf der Karte sehe ich, dass es auf der anderen Seite der Save (das ist der Fluss, der an uns vorbeifließt) einen schönen Stadtpark geben soll. Na dann los! Im Stadtpark ist so eine Art Blumenausstellung und es gibt dort eine Wasserstelle mit kalten Duschen. Als ich wieder am Bus angelangt bin, überrede ich Daniel mir noch mal in den Park zu folgen um dort zu duschen – wohlwissend, dass diese kalt sind.

Ska is everywhere!

Aber ich rede mir ein, dass wir so wenigstens frisch und munter werden. Ein Irrglaube! Man muss dazu sagen, dass diese Duschen wirklich mitten im Park an einem Weg sind. Also noch mehr auf dem Präsentierteller geht eigentlich kaum. Wir ziehen uns trotzdem bis auf die Badehose aus und die Blicke der Passanten werden indes immer verstörter. Daniel wagt es als Erster die Dusche zu betätigen. Seine Begeisterung über die Temperatur des Wassers kann er gut verbergen. Ich tue es ihm gleich und versuche binnen 20 Sekunden (die verdammt lang sein können) sowohl Haare als auch meinen gesamten Körper nass zu kriegen. Von außen betrachtet sieht es wohl eher so aus als würde ich einen russischen Volkstanz aufführen. Heldenhaft verlassen wir schnell die Duschen und rubbeln uns ab (also unsere Körper mit Handtüchern) und verlassen dann wieder den Park gen Bus. Dort macht sich Aufbruchstimmung breit. Städteseightseeing Part 4, heute Zagreb, steht auf dem Plan. Statt mit dem Bus zu fahren laufen wir die ca. 3 km bis ins Stadtzentrum. Es ist schöner Tag im Mai und wir nutzen die Gunst der Stunde und erkunden die Hauptstadt Kroatiens.

Die Uspinjaca

Ein Reiz Zagrebs besteht für mich darin, dass hier Glanz und Verfall nah beeinander liegen. Die Einflüsse Österreichs und das südländische Flair ergeben obendrein eine sehr interessante Melange. Unterwegs treffen wir Mario vom Open Flair (dem besten Festival, wo gibt!) und Dominik, die sich uns spontan anschließen und mit uns Essen gehen. Aufgrund des schönen Wetters setzen wir uns draußen hin. Ich denke mir zunächst nichts dabei, dass im Gegensatz zu den anderen auf meiner Seite keine Sonnenschirm-Überdachung ist. Nachdem wir unsere Getränke bestellt haben, fallen jedoch erste kleine Tropfen auf uns hernieder aus denen zügig größere werden. Infolgedessen spielen dann neun Leute Tisch- und Stuhl-Tetris. Das Essen war übrigens sehr lecker, ja geradezu köstlich, was uns verleitet hier länger als nötig zu verweilen. Wir gehen anschließend Richtung Oberstadt, denn ein Großteil der Gruppe will mit der Uspinjaca (einer Standseilbahn) Richtung Unterstadt fahren. Die Fahrtzeit mit dieser Bahn beträgt enorme 40 Sekunden. Heike, Daniel und ich beschließen lieber zu Fuß zu gehen – da hat man mehr vom Weg. Unten angekommen fällt unser Auge auf eine Eisdiele, deren Auslage so unverschämt gut aussieht, dass wir gar nicht anders können als zu schlabbern und zu lecken. Wer kann denn schon bei Sacher-Eiscreme „nein!“ sagen? Mit Eis bewaffnet machen wir uns allmählich auf in Richtung Bus um sich dort auf das Konzert einzustimmen. Alle bis auf Iris, die lieber noch einen Moment lang in der Eisdiele verharrt.

Heute wird es besonders werden, denn das Mocvara fast nur ca. 600 Leute. Das letzte Mal, dass ich die Band vor so wenig Leuten gesehen habe, war Anfang der 2000er Jahre (verdamp lang her). Trotzdem bin ich irgendwie nicht so wirklich in Konzertstimmung, was wohl aus einer kleinen Magenverstimmung und Schlafmangel resultiert. Natürlich gehe ich trotzdem zum Konzert. Im Nachhinein wäre es auch nicht auszudenken, was mir entgangen wäre, hätte ich anders entschieden. Im Mocvara angekommen sollten sich unsere Vermutungen bestätigen. Der Laden ist wirklich sehr, sehr klein und erinnert mich ein wenig an mein heiß geliebtes und inzwischen platt gemachtes Underground in Köln. Der Laden ist sogar so klein, dass Don mit seinem Mischpult draußen, besser gesagt im Vorraum bleiben muss. Die Bühne selbst ist nur ca. 6 m breit. Die "Ä"-Lichtmatrix findet heute keinen Platz. Als die Band dann die Bühne betritt, haben sich all meine Probleme binnen Sekunden in Luft aufgelöst (war was?) und ich eskaliere.

Rod spielt 1/2 Lovesong

Diese Konzerte setzen mich in eine Zeit zurück als ich die ersten Konzerte der Band erlebt habe. Damals als sie als Die Zu Späten unterwegs waren beispielsweise. Doch es ist im hier und heute und ich bin dabei von so vielen Leuten umgeben, die ich einfach wahnsinnig in mein Herz geschlossen habe und das macht es noch viel geiler. Und so feiere ich jedes einzelne Lied frenetisch ab und gönne mir nur wenige Verschnaufpausen. Wenn ihr so einen langen Flummi habt rumspringen sehen, dann war ich das. Vor dem Seitenwechsel steht Hütchenspiel auf dem Programm, doch Farins Gitarrenset ist dafür nicht richtig programmiert und so möchte er die Nummer überspringen – sehr zum Unmut des Publikums. Zum Ende der Show wird dies dann aber nachgeholt, denn wie Farin treffend bemerkt ist es schon gemein das Publikum erst anzuficken und dann den Schwanz einzuziehen. Im Rod-Teil gibt es zum ersten Mal auf dieser Tour das geniale Geisterhaus zu hören, was mir persönlich viel besser gefällt als Sohn der Leere. Vor Himmelblau spielt die Band Zitroneneis an („Es ist Sommer und der Himmel ist blau“), was wohl auf eine Idee von Farin zurückgeht.

Der Himmel ist blau!

Als sich Bela bereit macht um Der Graf vorzutragen, bittet er die Handyfilmer darum doch einfach mal lieber das Hier und Jetzt zu genießen statt zu filmen, denn das kommt so schnell sicher nicht wieder. Wo wir gerade beim Drumming Man sind: Bei Sweet, sweet Gwendoline hat man das Gefühl, dass Bela auf dem falschen Gig ist (siehe YouTube: Drummer at the wrong gig), denn er zieht es vor lieber freestyle zu trommeln als sich an die Struktur des Songs zu halten.

Als Zu spät ertönt hat auch Farin offenbar keine große Lust den Song noch normal vorzutragen, lieber würde er stattdessen Erna P. spielen und hat dann die Idee den Text von Zu spät mit der Musik von Erna P. zu kombinieren, was bis zum Refrain auch ganz gut funktioniert. Als es dann nicht mehr aufgeht, greift Farin auf ein altes Hausmittel zurück: Ska. Und so gibt es eine kurze Ska-Version von Zu spät zu hören. Als die Band nach Schrei nach Liebe, Unrockbar und Junge noch mal auf die Bühne kommt, spielt Rod kurz die wunderschöne Ballade pour Adeline von Richard Clayderman an (einst haben DÄ dies ja auf der Nackt unter Kanibalen-Tour in Gänze gespielt). Bela bemerkt anschließend, dass DÄ auch noch andere Schlager auf Lager haben und überredet Farin und Rod ihre Version von Felicità vorzutragen (ja, sind wir schon in Mailand?). Danach ertönt Dauerwelle vs. Minipli, das dem Publikum dann innerhalb einer Minute den Rest gibt. Doch die Band sieht das Stück nicht als genug gewürdigt an. Ja, sie vermissen den Respekt für diese hohe Komposition und so zerlegen sie das Stück in seine Einzelteile. Nur noch mal zum Mitschreiben: Die haben eben das letzte Stück gespielt und erläutern dem Publikum nun ausführlich, was es mit der einminütigen Grindcore-Nummer so auf sich hat. Ich liebe diese Band! Zur Belohnung für das lernwillige Publikum gibt es dann endlich noch Hütchenspiel zu hören. Dann ist aber Schluss und ich (und viele andere) sind klitschnass geschwitzt. Ich höre viele sagen, dass das beste Die Ärzte-Konzert ever war und es fällt mir tatsächlich schwer Gegenargumente dafür zu finden. Ja, das war definitiv einer dieser Abende, wo einfach alles gestimmt hat.

Say perhaps to drugs and yes to club concerts

Dienstag, 21. Mai 2019

Lovely Ljubljana

Die Hitze von Zagreb hat ihren Tribut gefordert. Zum einen habe ich überhaupt nicht mitbekommen, wie wir an unserem heutigen Stellplatz in Ljubljana angekommen sind. Zum anderen hat sich Daniel, el toro, beim Abmarsch vom Club böse an der Schulter verletzt und so nehmen er und Heike nun ein Taxi um ins Krankenhaus zu fahren. Im Bus ist unterdessen gepflegtes Chillen angesagt (gestatten: Die Müßig-Gang). Das Wetter lädt irgendwie nicht wirklich zu einem Stadtbummel ein und so beschließen wir die Zügel etwas schleifen und es etwas langsamer angehen zu lassen. Immerhin haben sich drei von uns schon am frühen Morgen beim Club absetzen lassen um in die erste Reihe zu kommen. Das muss reichen. Etwas Ablenkung verschaffen uns ein paar süße Haustiere (Hund, Katze, Schweine, Pony), die sich an unserem heutigen Stellplatz tummln. Der Stellplatz selbst befindet sich an einem Restaurant und ist eigentlich für Wohnmobile ausgelegt. Da das Restaurant heute aber Ruhetag hat, dürfen wir mit dem Bus auf den Restaurant-Parkplätzen parken und ziehen damit natürlich sofort die Blicke der Camper auf uns.  Nachdem jeder seinen Körper gepflegt und ausgiebig gegessen und getrunken hat, wird das hiesige WLAN ausgenutzt um noch eben schnell was zu gucken. Die anderen schauen sich das Finale irgendeiner amerikanischen Serie an, in der es um Ritter geht. Ich schaue mir das Falco-Biopic auf Netflix an und schreibe Tourberichte.

Der Arbeitsplatz des Bicycle-Repair-Mans

Nachdem Daniel und Heike wieder eingedrudelt sind und sich herausgestellt hat, dass wohl nichts gebrochen ist, fassen wir uns doch ein Herz und machen uns auf Richtung Ljubljana. Wir bestellen uns Taxis und lassen uns Richtung Innenstadt bringen. Nachdem das erste Taxi losgefahren ist, bitte ich unseren Taxifahrer dem Wagen zu folgen. Das wollte ich immer schon mal sagen. Nach ca. 20 Minuten und 10 Euro Fahrtkosten (merkt ihr was?) sind wir in der Innenstadt angekommen und sofort bereuen wir, dass wir nicht schon etwas früher den Arsch hochgekriegt haben. Die Innenstadt Ljubljanas mit ihren vielen kleinen Brücken und der schönen Flußpromenade ist wirklich wunderschön. Doch leider knurrt uns auch der Magen und so kehren wir in ein gepflegtes Restaurant ein, wo es leckeres Essen zu kleinen Preisen gibt (ein Verhältnis, dass ich durchaus gut finde). Ein Großteil bestellt sich die hiesige Spezialität namens Dödele. Ich hingegen lasse lieber die Finger von so einem Schweinkram und greife zu Salat. Nach dem Essen unternehmen wir einen Verdauungsspaziergang und gehen gemütlich Richtung Club. Dieser stellt sich als Mischung aus Club und Kino heraus und besteht im Innern aus terrassenartigen Stufen, die Zweifel aufkommen lassen, wie hier guter Pogo funktionieren soll. Noch bevor die Band das Konzert beginnt macht Farin auch direkt eine Ansage, dass das das Crowdsurfen heute strikt verboten ist, da die Absperrung vor der Bühne nicht dafür ausgelegt ist und man Angst vor Verletzungen für die Erste-Reihe-Steher als auch Crowdsurfer und Secus hat.

Scherenschnitt leicht gemacht

Auch heute ist die Band wieder unglaublich gut drauf und langsam wird dieser Zustand einem unheimlich. Pogo funktioniert übrigens trotz der Stufen, wenngleich es das rücksichtsvollste Pogen ist, was ich jemals auf einem Die Ärzte-Konzert erlebt habe. Außerdem habe ich einen Aktionsradius von ca. zwei Metern zu meinen Nebenmännern, was ich so mitten in der Menge auch noch nie hatte und nein, ich habe keinen rohen Knoblauch gegessen. Nachdem die Band die Fugenanalyse für sich entdeckt hat und es gestern in Zagreb bei Dauerwelle vs. Minipli zur Premiere kam, wird heute die Komposition Punkbabies näher betrachtet. Auch hier erahnen nur die Wenigsten welch große Kunst hinter diesem Werk steckt, doch BelaFarinRod weihen uns in das Geheimnis des Zaubers, der diesem Stück innewohnt, ein. Damit man den kryptischen Text besser verstehen und nachvollziehen kann, übersetzt Farin ihn in umgangssprachliche Form. So erfahren wir, dass es ums Korpulieren gegen herrschende Zustände, um Hautkrankheiten und den Generationenkonflikt – also ums nichts Geringeres als das große Ganze – geht. Es ist schön, dass sich die Interpreten ihrem Stück in solch einer Ausführlichkeit widmen und es ist durchaus bemerkenswert, dass der Unterhaltungswert der Band sich mit zunehmenden Alter vom Anal- zum Analysenhumor wandelt. Nachdem Punkbabies nach seiner näheren Anal-yse zum Abschluss nochmal gespielt worden ist, ertönt das erste Mal seit langem wieder B.S.L.. Ein Song, der durchaus auch näher betrachtet werden könnte. Als Rod dann die von uns linke Seite der Bühne betritt um sich seelisch und moralisch auf seinen ½ Lovesong vorzubereiten, fordert das Publikum vehement den Song Lady und The Rod tut ihm den Gefallen und spielt das Lied über die Bingo-Lady an. Bei Anti-Zombie tobt sich Farin mal so richtig an Rods Fuß-Samples aus und lässt einen wahren Munitionshagel vom Stapel. Er übertreibt es so sehr, dass man kaum noch was vom Song mitbekommt und auch Rod sich kaum noch darauf konzentrieren kann (Kann einer den Irren mal da wegholen?).
Nach Rods Teil kommt Bela mit seiner Gitarre nach vorne mit dem Wunsch 
Der Graf vorzutragen. Das Publikum hingegen entscheidet abschlägig und will zunächst Tittenmaus von ihm hören.

Bela spielt Tittenmaus

Bela ist geneigt ihm diesen Wunsch zu erfüllen, wenn das Publikum dieses Vorhaben mit reichlich Applaus goutiert. Letzteres erfüllt ihm dies und so versucht sich Bela an dem Stück. Der Text will ihm zwar nur bedingt einfallen und auch bezgüglich der Akkorde muss er sich immer wieder bei Rod absichern, aber der Versuch zählt und tatsächlich spielt die Band das Stück mit Farin am Schlagzeug in voller Länge. Mir ist bis heute übrigens unverständlich, warum es dieses Stück nie auf einen Kuschelrock-Sampler geschafft hat. Kurz darauf steht das Stück Ausserirdische auf dem Plan. Zumindest in der Theorie, denn der Vortrag unterscheidet sich schon sehr von der uns bekannten Studioversion und tendiert eher in Richtung Dadaismus. Man könnte auch sagen, dass die Band das Stück verkackt, doch das wäre nicht die ganze Wahrheit. Als Rod anfängt auf seinem Keyboard Abschied zu spielen, unternehmen Bela und Farin einen kurzen Ausflug ins Schlagermilieu. Es ertönen Stücke wie Im Wagen vor mirEr gehört zu mir oder Theo, wir fahren nach Lodz, die zeigen in welcher Tradition dieses Lied eigentlich steht. Farin scheint langsam endgültig den Verstand zu verlieren, aber nein, da geht noch mehr. Denn der La-Ola-Mann hat gemeinsam mit Bela die Idee das Publikum statt einfach nur Arme hoch und runter nehmen lieber „summ“ und piep“ sagen zu lassen. Garnier mit einer kleinen Pause und das Ganze dann noch ineinander übergehend. Damit aber noch nicht genug. Bei Zu spät bittet Farin das Publikum beim ekstatischen Klatschen sich bei vier einmal um 90° zu drehen, was natürlich sofort angenommen wird. Die Darbietung erinnert schon sehr an Macarena und muss von der Bühne aus betrachtet unglaublich geil aussehen. Rock am Ring, ick höre dir trapsen. Nachdem das Publikum dann nach Junge immer noch nicht genug hat, kommt die Band noch einmal raus und lässt relativ kurz und schmerzlos noch Rettet die Wale und das unvermeidliche Dauerwelle vs. Minipli vom Stapel. Dann ist Schluss. Wir chillen noch etwas im Foyer des Ladens. Ein Laden, in dem es das Iron Maiden-Bier Trooper gibt, kann außerdem nicht schlecht sein. Kleiner Fun-Fact am Rande: In dem Highlight-Flyer des Clubs für den Monat Mai werden Die Ärzte mit keiner Silber erwähnt. Unverschämtheit!

Unsere kleine Reisegruppe nach getaner Arbeit

Mittwoch, 22. Mai 2019

Kaum ist man in Italien schon lacht die Sonne und wie sie lacht. Es ist richtig ansteckend. Wir haben uns heute für einen Campingplatz außerhalb der Stadt entschieden und sogleich nicht bereut. Alles dufte hier. Dennoch hält es uns nicht lange, denn zum einen wollen wir uns die Stadt anschauen und zum anderen müssen wir Daniel noch verabschieden, der uns heute leider verlassen muss. Immerhin kriegen wir es noch hin, dass wir gemeinsam ein bisschen durch Mailand laufen und Dom und Scala begutachten können. Nachdem wir Daniel verabschiedet haben und noch ein bisschen durch die Innenstadt gelaufen sind, teilt sich unsere Reisegruppe auf. Die einen wollen zurück Richtung Bus und chillen. Die anderen sich noch das Castello Sforzesco anschauen und noch was erleben. Ich gehöre zur Gruppe Castello und so mache ich mich mit Iris, Steffi und meiner Frau Richtung Castello auf. Mittlerweile bin ich schon an einem Punkt angelegt, wo es schwerfällt die ganzen Eindrücke gescheit zu verarbeiten. Auch Mailand zeigt sich uns von seiner schönsten Seite. Wie Bela gestern beim Konzert schon richtig festgestellt hat, fühlt sich das alles nicht wie eine Tour an, sondern wie eine kleine Kulturreise, auf der man sich abendlich dann beim Konzert die mühsam aufgeladenen Gehirnzellen wieder wegbangt. Es ist einfach eine unglaublich schöne Erfahrung und ich bin sehr dankbar dafür das alles zu erleben. Es ist schon jetzt die Frage, wie das alles noch zu toppen ist. Nachdem wir durch das Castello gegangen sind, betreten wir den Simplonpark, bewaffnen uns mit eiskalten Getränken und lassen uns danieder. Im Hintergrund spielt jemand Bob Marley-Songs auf der Gitarre, die Sonne geht langsam unter und ganz genau dieser Moment ist perfekt. Wir reden über dies und das und eh wir uns versehen ist es schon fast dunkel. Wir ziehen weiter Richtung Triumphbogen und verspüren ein leichtes Grummeln in der Magengegend. Zudem zieht ein Gewitter auf. Ich erspähe ein Restaurant, das noch vier freie Plätze am Fenster anbietet. Auf der Karte steht „Buffet + Cocktails = 12 Euro“. Wir fragen uns ob des üppigen Buffets und der lecker aussehenden Cocktails, wo denn hier jetzt der Haken ist und fragen noch mal sicherheitshalber beim Kellner nach und tatsächlich es stimmt. Okay, na gut. Also hauen wir uns den Bauch voll und beobachten wie draußen vor unserem Fenster das Gewitter wütet und sich die historischen Straßenbahnen dadurch den Weg bahnen. Ja, es hätte uns schlimmer treffen können. Wir besteigen danach auch so eine schöne Bahn und lassen uns zur nächsten U-Bahn-Station bringen, von wo aus wir uns dann Richtung Campingplatz aufmachen. Zur Geisterstunde stoßen wir auf mein Wohl und neues Lebensjahr an. Bitte kneif mich mal jemand. Das ist hier alles so surreal.

Donnerstag, 23. Mai 2019

Nur noch 2 1/2 Minuten

Und das Handy macht „Bing, bing, bing“. Statt viel Schlaf bekomme ich jede Menge Glückwünsche, über die ich mich selbstredend auch sehr freue (danke an dieser Stelle an alle, die an mich gedacht haben), aber trotzdem hätte ich auch gerne noch etwas geschlafen. Na ja, so nutze ich die Zeit und schreibe fleißig Tourberichte. Leider schaffe ich es nicht noch Fotos beizusteuern, denn unsere Reisegruppe zieht es in die Stadt. Heute steht die Besichtigung des Doms auf dem Plan. Ich weiss nicht warum, aber irgendwie finde ich es großartig, dass in Mailands U-Bahnen die Wartezeit auch in halbminütigen Schritten angegeben wird. Unsere Wartezeit beträgt demnach noch 2 ½ Minuten. Auch heute ist es wieder warm und schön, was mir im Wechselspiel mit der Klimaanlage im Bus etwas zusetzt und mir eine leichte Erkältung beschert, die die Vorfreude auf das Konzert am heutigen Abend ein wenig trübt. Doch zunächst geht es zum Dom.

Der Turm zu Babel am Mailänder Dom

Nachdem wir es endlich geschafft haben Tickets zu kaufen, beschließen Ollo und ich lieber die Treppen zu nehmen (Nur 230 Stufen. Pah!), während die Anderen Aufzug fahren. Wir Sportskanonen sind dann auch vor dem Rest oben und uns offenbart sich somit als Erster ein überwältigendes Bild. Nicht nur, dass der Ausblick auf Mailand allein schon atemberaubend ist. Auch der Dom selbst, dieses Prachtexemplar der Renaissance, bläst einen weg. Die Detailversessenheit ist unglaublich. Verzierung reiht sich an Verzierung und dann noch der Marmor. Das ist echt schwer zu toppen und so fällt das Innenleben des Doms auch stark ab – ist nichtsdestotrotz aber natürlich auch mega beeindruckend. Dem Wachmann sind Ollos Beinkleider jedoch eine Spur zu kurz und so wird sie als Einzige von uns mit einem Tuch ausgestattet, mit dem sie sich bedecken soll. Sie kann's tragen. Nach diesen ganzen Eindrücken beschließen wir ein Eis essen zu gehen und steuern eine Eisdiele an, die wir gestern Abend noch erspäht haben. Das Eis ist mehr als lecker. Diejenigen, die sich wie ich für die Kinder-Joy-Variante entschieden haben, leiden jedoch schon bald, denn die Konsistenz dieser Geschmacksrichtung ist so zähflüssig, das nichts davon aus dem Hörnchen fällt, wenn man es umdreht. Tatsächlich bin ich dann der Einzige, der sein Bällchen (oder besser gesagt: den Ball) davon aufisst. Anschließend beschließe ich, dass ich für heute nichts Essbares mehr brauche und auch nicht mag.

Hey Du, bleib stehen!

So langsam werden die Anderen aber dann nervös und so setzen wir uns Richtung Alcatraz (so heißt der Club) in Bewegung. Der Laden ist der Größte auf der Tour und dementsprechend viel ist rundherum los. Wir tauschen unsere E-Mail-Bestätigungen in Tickets um und gehen noch in Ruhe was essen. Als wir dann wieder zurückgehen, sind wir etwas desillusioniert. Der Laden ist doch sehr groß und wir haben uns inzwischen wohl etwas zu sehr an die kuscheligen Clubs gewöhnt. Leider sind auch schon alle Tagesshirts weg, als ich in der Halle bin (schnüff). Auch Inga, die heute auch Geburtstag hat, ist leider leer ausgegangen. Zwei Sachen in dem Laden sind äußerst merkwürdig. Zum einen lassen sich die Männer-Toiletten nicht abschließen und zum anderen muss man beim Getränkekauf erst ein Nümmerchen ziehen, damit man einen Meter weiter dann seine Getränke bekommt. Das letztgenannte Procedere wird auch während des ganzen Konzertes über durchgezogen – egal wie das klingt. Mein bestelltes Wasser wird dann noch von einer 0,5 Plastikflasche auf zwei 0,2 Plastikbecher verteilt. Denjenigen von euch, die gut in Mathe aufgepasst haben, wird nicht entgangen sein, dass da noch 0,1 l fehlt. Richtig! Nachdem ich den Barmann daran gehindert habe den Rest nicht wegzukippen, da ich ja schließlich auch dafür bezahlt habe, bekomme ich noch einen dritten Becher mit dem Rest – merkt ihr selber, oder? Von dem ganzen Plastemist will ich noch gar nicht mal reden. Ich freue mich jedenfalls auf den Tag, wenn es endlich keine Plastikbecher mehr auf Konzerten gibt. Das Wasser ist mit drei Euro übrigens noch recht günstig, ein Bier kostet schlanke sechs Euro.

Leider verspüre ich noch immer keine große Lust auf das Konzert. Als jedoch endlich das Licht ausgeht und Farin die ersten Worte von Rückkehr über die Lippen bringt, packt es uns dann doch und wir ziehen geradewegs Richtung Moshpit. Und schwupps sind alle Sorgen vergessen und wir feiern als wenn es kein Morgen gibt. Die Begeisterung im Publikum ist groß und nochmal intensiver als anderswo, denn für Mailand gab es aufgrund der Größe des Clubs am einfachsten Karten zu ergattern und so kommen hier nun viele in den Genuss ihres ersten Die Ärzte-Konzertes seit sechs Jahren und entsprechend ausgelassen ist die Stimmung. Die Band berichtet von ihren kulinarischen Abenteuern und Farin beeindruckt mit ein paar fließenden Sätzen Italienisch. Natürlich spielt die Band heute ihre Version des Italo-Pop-Schlagers Felicità. Abgesehen von Hütchenspiel, das heute fest im Programm ist bleiben aber ansonsten große Setlisten-Überraschungen im Wesentlichen aus. Sie sind auch gar nicht groß nötig, denn das Programm, dass die Band zusammengestellt hat, lässt eigentlich kaum Wünsche offen und es ist einfach herrlich in die freudestrahlenden Gesichter allerorten zu blicken. Alle sind glücklich, alle sind happy, alle sind froh und haben eine gute Zeit. Bei Zu spät teilt Farin das Publikum in vier Quadranten ein, die alle abwechselnd klatschen sollen, was auch ziemlich gut funktioniert. Thematisch an Zu spät anknüpfend beeindruckt Farin noch mit einer Darbietung von La donna é mobile. Mit Hurra und Dauerwelle vs. Minipli endet dann das Konzert. Das Team vom Alcatraz ist dann sehr bemüht alle Besucher so schnell wie möglich vor die Tür zu setzen – von dem Gebrauch von Schusswaffen wird hierbei abgesehen. Demzufolge haben wir noch etwas Zeit bevor unser Bus uns abholt und nehmen in einem benachbarten Restaurant noch ein Getränk zu uns. Vor dem Alcatraz stehen derweil noch die Schwarzhändler und versuchen uns ihre eigenen Kreationen an Ärzte-Postern und -Shirts anzudrehen. Nach kurzen Pläuschen mit der DÄ-Crew setzen wir uns dann Richtung Straßburg in Bewegung. Gefolgt von der Strecke Warschau-Prag ist dies das längste Stück der Tour. Wir nehmen Daniel, den Tour de Ärzte-Radfahrer wieder bei uns auf, denn eine solche Strecke kann man nicht innerhalb eines Tages mit dem Rad fahren. Recht schnell dünnt sich dann auch das Feld der Feierwütigen aus und tatsächlich bin ich, Mr. ZuerstzuBettgeh, heute mal als einer der Letzten noch wach. Diese KO-Tropfen funktionieren also tatsächlich.

Freitag, 24. Mai 2019

Der Münster

Es ist schon echt irre. Eben noch gefühlt in Mailand gewesen, nun schon in Frankreich, genauer gesagt in Strasbourg. Und wieder wache ich kurz vor Ankunft auf – nobody kills my Innere Uhr. Auch über Strasbourg lacht die Sonne und ich so schnüre ich meine Joggingschuhe um die recht nahe historische Altstadt zu erkunden. Nachdem ich diese erreicht habe, bin ich völlig hin und weg. Ich dachte schon, dass Strasbourg schön ist, dass es so schön ist, hätte mir ja mal jemand vorher erzählen können. Dann wäre ich nicht jetzt erst dorthin gefahren. Nachdem ich für heute zum ersten Mal schweißgebadet wieder den Bus erreiche, macht sich das Team Schwimmbad auf in ein selbiges Nahegelegenes. Wir geben Iris, unseren Rock'n'Roll-Uber-Mensch noch mal die Gelegenheit den Fahrdienst zu rufen und tatsächlich klappt es dieses Mal reibungslos. Nachdem wir das mit dem Verschließen der Spinde endlich durchschaut haben (erst gewünschten Spindcode im Display eingeben, dann eigenen vierstelligen Code ausdenken, dann ist verschlossen) machen wir uns auf Richtung Schwimmbecken. Die Schwimmhalle offenbart sich als Wettkampfschwimmhalle mit Tribünen und so weiter.

Nein, das haben wir nicht gegessen

Als ich gerade von meinen ersten zwei Bahnen zurückkomme, sehe ich wie Marcy mit den Bademeistern diskutiert. Diese sind nicht damit einverstanden, dass er in Shorts schwimmen gehen will und bitten dann auch mich aus dem Becken zu kommen, nachdem sie selbiges Beinkleid bei mir erblicken. Wir versuchen noch die Touristenkarte zu spielen, doch es nützt nichts. Optional bietet man uns den Kauf einer regulären Schwimmhose an oder das Ausleihen einer Zurückgelassenen an. Da es sich bei letzterer Option aber ausschließlich um Damen-Bikini-Unterteile bzw. Herren-Hosen in XXL handelt verzichten wir dankend und gehen dafür ausgiebig duschen. Das betreiben wir so exzessiv, dass wir dann auch zeitgleich mit den Mädels fertig sind. Im Fön-Raum (keine Ahnung, wie man das sonst nennt) entdecken wir eine Trockenmaschine für nasse Badesachen, die wir gleich alle mal ausprobieren müssen. Und tatsächlich: Es funktioniert. Was hingegen nicht funktioniert ist der Uber-Weg zurück, denn das Schwimmbad befindet sich offenbar in einer toten Gegend, in der es weit und breit keinen Fahrer gibt. Wir schwenken dann spontan auf den Bus um, der direkt ins Zentrum von Strasbourg fährt. Als wir dort ankommen, geht direkt allen ein Herz auf und zugleich meldet sich der Magen. Da passt es gut, dass direkt vor uns ein Lokal mit Außengastronomie liegt, wo wir uns erstmal stärken. Meine Frau Bine, Heike und Lauri bleiben dann in der Stadt, während Caro, Marcy, Iris und ich Richtung Bus gehen um die nassen Klamotten von allen aufzuhängen.

It's a hard knock life

Iris und ich machen uns dann auf schnellstem Wege wieder bereit um in die Stadt zu gehen. Dort gesellt sich dann noch Jenny zu uns und zu dritt schauen wir uns dann den Münster an. Als wir diesen verlassen treffen wir auf Daniel und Steffi, die uns freudestrahlend und hübsch alkoholisiert entgegen kommen. Ich traue erst meinen Augen nicht, denn vor zwei Tagen hat Steffi uns noch verraten, dass sie eigentlich immer in der ersten Reihe steht. Schon ist sie mit uns unterwegs, sind alle Dogmas über Bord geworfen. Was sagt das bloß über uns aus? Steffi und Daniel schwärmen beide (zurecht) von der Stadt und empfehlen uns einen Bummel entlang der Ill und ein dort beheimatetes Weingeschäft, was sie schon ausgiebig begutachtet haben. Der Empfehlung kommen wir (bis auf das Weingeschäft) nach und verlieben uns ebenfalls in Rekordzeit die Hauptstadt des Elsaß. Aber wie geht das dann auch nicht? Am Ufer des Flusses sitzen auf Stegen junge Leute, die Wein trinken und Baguette essen, oben spielen Straßenmusiker Boulevard of Broken Dreams von Green Day oder Can't Stop von den Chili Peppers und wohin man nur schaut, sieht man herrliche Gebäude. Was bleibt einem denn da anderes übrig als „Ja, ich will“ zu sagen? Es ist sogar so schön, dass ich kurzzeitig überlege das Konzert sausen zu lassen, aber es gibt natürlich mehrere Gründe dies nicht zu tun. Ein Hauptgrund ist mein alter Freund Christian, der sein Kommen für heute angekündigt hat und auf den ich mich sehr freue, denn mit ihm kann man bestens pogen und moshen.

Farin kurz vor seinem großen Sprung

Als wir dann endlich in den Club gehen, stehen draußen leider immer noch ein gutes Dutzend Fans, die keine Karte bekommen haben. Schön, dass ich nachher trotzdem einige von ihnen noch im Publikum erspähe. Als wir in den Saal gehen wollen, werden wir am ersten Eingang direkt abgewiesen, denn dieser ist hoffnunglos überfüllt. Ohoh, das kann ja heiter werden, denke ich mir. Wir wechseln dann die Seite und scon geht es auch los. Wo eben noch Platzmangel herrschte, ist nach ein paar Takten ordentlich Pogo-Platz, den wir gründlich ausnutzen. Erfreulicherweise sind heute sehr viele von uns dort zu finden und die Band liefert den passenden Soundtrack, der diesen Club binnen Minuten in eine Dampfsauna par excellence verwandelt. Heute sind B.S.L. und Ausserirdische wieder in der Setlist und auch die Song-Analyse ist wieder mit von der Partie. Thema des heutigen Tutorials ist das Lied a-Moll, das eingehend erläutert und einmal davor und einmal danach gespielt wird. Zwischenzeitlich äußert Farin den Verdacht, dass sich hier im Publikum nur wenig Einheimische befinden, sondern vor allem Fans aus Deutschland, die der Band hinterherreisen. Nein, also wirklich, das glaube ich nicht. Zur Freude aller gibt es auch wieder neue Strophen aus dem Willi-Song zu hören. Vor Abschied stimmen Bela und Farin dieses Mal diverse 80ies-Hymnen wie Maneater an. Spätestens mit den Zugaben ist das Publikum am Ende seiner Kräfte angelangt und kann nicht mal den Trommeltanz huldigen, den die Band während Ich ess' Blumen spielt (vielleicht will es das aber verständlicherweise auch gar nicht oder vielleicht kennt man das Stück gar nicht mehr – zum Glück). Bela findet übrigens großen Gefallen daran das Publikum zu „Zicke-Zacke-Hühnerkacke“-Sprechchören zu animieren. Ja, man merkt, dass die Band schon eine Weile auf Tour und dies immerhin auch schon die zweite von drei Shows am Stück ist. Während Zu spät stimmt Farin die erste Strophe von Erna P. an, lässt jedoch keine weitere folgen. Hero of the day ist Ollo, die sich bei Himmelblau ein ordentliches Veilchen abgeholt hat. Nachdem das Konzert ohne größere Vorkommnisse beendet ist, hängen wir noch ein wenig vor dem Club ab, bestellen Pizza und vernichten das ein oder andere alkoholarme als auch alkoholartige Getränk. Die Abfahrt des Busses spüre ich durch ein sanftes Ruckeln in meiner Koje.

Samstag, 25. Mai 2019

Ein neuer Tag, eine neue Stadt. Heute: Luxembourg. Ich stehe früh (also wirklich früh) um unseren Fahrer Christian beim Ansteuern des Stellplatzes zu helfen. Dieser befindet sich heute auf einem Fabrikgelände, das schräg gegenüber vom Den Atelier liegt. Ich hatte den Platz bei Google Maps ausfindig gemacht und bin dann an den sehr netten Herrn Primm geraten, der uns gerne und unbürokratisch geholfen hat. Dafür noch mal ein großes Dankeschön. Während der Rest noch schläft treffe ich mich mit Herrn Primm, schenke ihm ein Buch und wir machen noch ein paar Fotos. Im Gegenzug erhalten wir noch eine Stange Zigaretten. Wer sich jetzt darüber wundert, dem sei gesagt, dass die Fabrik, auf deren Grund wir stehen, unter anderem eine Tabakproduktion beherbergt. Ein wirklich sehr netter Kontakt. Da die Anderen immer noch schlafen beschließe ich das nahegelegene Schwimmbad aufzusuchen und ein paar Bahnen zu ziehen. Ich habe indes aus meinem Strasbourg-Fauxpas gelernt und meine knappe Badehose eingepackt. Und tatsächlich darf ich damit schwimmen gehen. Juchhu! Auf den Schildern im Schwimmbad sehe ich dann das auch hier in Luxembourg das Schwimmen in Badeshorts verboten ist. Das Schwimmen tut gut. Als ich im Schwimmbad jedoch auf meinen Körper blicke bin ich fast erschrocken, denn sechs DÄ-Konzerte haben deutliche Spuren in Form von vielen blauen Flecken hinterlassen. Als ich vom Schwimmen zurückkehre treffe ich Heike, Laura, Caro, Iris und Bine, die gerade einen Bäcker aufsuchen wollten und schließe mich Ihnen an. Nach dem Besuch der Bäckerei setze ich mich an der Tourberichte während der Rest alkoholhaltige Flüssignahrung zu sich nimmt. Heute stoßt dann unser neuestes Crewmitglied Flo zu uns, der uns bis Ende der Tour begleiten wird. Da er Meister aller Führerscheinklassen ist, darf er auch Reisebusse fahren und wird die heutige Strecke nach Zandvoort für Christian übernehmen. Erfreulicherweise trifft Flo aber nicht alleine ein, sondern wird von Daniela und Jööörk gebracht. Gemeinsam gehe ich mit den Dreien noch mal in die gleiche Bäckerei und spontan unternehmen wir noch einen kurzen Ausflug zur großen Adolpho-Brücke von Luxembourg und den darunter liegenden Kasematten. Die Brücke ist schon sehr hoch und eigentlich erwartet man irgendwie, dass sich darunter ein rauschender Fluss befindet, doch weit gefehlt. Das kleine Rinnsal, was sich da im Tal befindet ist nämlich nur schwer mit dem Auge auszumachen. Als wir auf der anderen Seite angekommen sind, stellen wir fest, dass es unter der Brücke noch einen Fuß- und Radweg gibt, der mit Stahlstreben an der Brücke aufgehangen ist. Das müssen wir uns mal näher anschauen. Während die einen von den Schwingungen, die der Verkehr über uns dem Bod versetzt, nicht so angetan sind, untersucht Jööörk die Statik der Brücke genauer (er ist Gerüstbauer) und turnt am Geländer herum. Ich tue es unter Berufskrankheit ab. Nachdem wir wieder am Bus angelangt sind, überfällt mich schlagartig die Müdigekeit und ich lege mich in der Lounge hin. Als ich aufwache haben wir kurz vor Showbeginn und es herrscht Aufbruchstimmung. Meine Begeisterung ist noch nicht so groß, entwickelt sich aber im Laufe der folgenden Minuten. Ein nettes Beiwerk ist, dass uns noch Schaps-Peter besuchen kommt. Auch Ollo von Pascow treffe ich am Club und ehe mich versehe ertönt auch schon das Intro. Es ist das dritte Konzert in Folge und die Band ist immer noch gut drauf. Das Publikum ist es auch und so kann das ja eigentlich nur ein guter Abend werden. Da in Luxembourg Französisch ja Amtssprache ist, wirft die Band wieder mit Französisch-Brocken um sich. Irgendwann bleiben Sie bei der Phrase „King of the Divan“ aus dem bekannten Song Ca plane pour moi kleben und den ganzen Abend daran haften. Fast jede Ansage und jeder Song wird nun damit verziert. Das Set bleibt indes ohne größere Überraschungen aus. Hängen geblieben ist mir die 1982er Version von Klaus, Peter, Willi und Petra, bei der Bela an den Bass, Farin ans Schlagzeug und Rod an die Gitarre wechselt. So neu aufgeteilt versuchen sie den Die Ärzte-Sound von 1982 wieder zum Leben zu erwecken, was zwar nicht ganz gelingt, aber dennoch witzig aussieht. 

Nach der Show ziehe ich mich schnell um und schreibe noch ein paar Postkarten. Dann mache ich mich noch mal auf in die Stadt, weil ich mir die beeindruckende Brücke und die Kasematten noch mal by night ansehen möchte. Unsere Abfahrt ist nämlich erst gegen 3 Uhr geplant. So laufe ich dann durch das nächtliche Luxembourg und staune über die Bankautomatendichte der Stadt. Wir bekommen dann noch ein bisschen Besuch von der DÄ Crew und setzen uns dann gegen 3 Uhr in Bewegung. Der Nachmittagsschlaf und der immer noch vorherschende Schlafmangel haben dazu geführt, dass ich immer noch wach bin. Nachdem Marcy am Tisch eingeschlafen ist, male ich ihm noch eine kleine Tattooempfehlung ans Bein – mittlerweile sind wir schon augf diesem Niveau. Gegen 4 Uhr ziehe ich mich dann in meine Koje zurück in der Annahme, dass ich ja morgen endlich mal ausschlafen kann

Sonntag, 26. Mai 2019

Gegen 9 Uhr morgens werde ich sanft aber bestimmt bewegt. Irgendetwas klappt mit der Anmeldung beim Campingplatz nicht. Ich solle da mal hingehen und das klären, heißt es. Noch ziemlich schlaftrunken tappere ich zur Rezeption und mache Bekanntschaft mit einem echten holländischen Drachen in Form der Campingplatz-Chefin. Diese schiebt Panik, weil in dem Bus so viele Leute mitfahren und hat wohl Angst, das wir der Vengabus sind. Nach einigem guten Zureden kann ich sie schließlich einigermaßen beruhigen, dass das nicht der Fall sind und wir nach drei Shows in Folge eher unsere Ruhe haben wollen. Wir einigen uns darauf, dass sie sich das eine Nacht anschaut (wir haben eigentlich für zwei gebucht) und dann entscheidet, ob wir die andere Nacht auch hier stehen dürfen. Fein. Von mir ist heute keine Party zu erwarten. Als wir unseren Stellplatz erreicht haben, entere ich wieder meine Koje und verlasse diese erst wieder gegen 17 Uhr. In der Zwischenzeit haben sich die Mädels und Marcy die vielen Sehenswürdigkeiten von Zandvoort (das Meer, den Supermarkt) bei bestem Wetter (Regen, Stum) angesehen und was gegessen. Flo und ich schlafen und Tina meint, dass ihr Fieber heute ganz gut stände (muss ja jeder selber wissen). Als ich gegen Abend nach unten komme, schauen die anderen gerade Die nackte Kanone. Na gut, da kann man sich gut dazugesellen und so schauen wir noch alle drei Teile hintereinander und essen was bevor es wieder in die Koje geht. Alles in allem: Ein richtig produktiver Tag, aber das muss ja auch mal sein.

Montag, 27. Mai 2019

Mein erster Gang heute morgen führt zur Rezeption. Aus dem Drachen von gestern ist ein kleines Kätzchen geworden und so verlängere ich für uns noch um eine Nacht. Zumal heute auch das Wetter besser werden soll. Ich beginne den Tag mit einer kleinen Joggingrunde am Strand. Auf dem Rückweg habe ich mit den Elementen der Natur, sprich Gegenwind, zu kämpfen, was die Sache etwas komplizierter macht. Aber man wächst ja an seinen Herausforderungen. Als ich nach einem Zwischenstopp beim Supermarkt wieder zurückkehre ist Caro bereits angekommen, die die letzten drei Shows mit uns mitfährt. Nach einem kurzen Frühstück packen wir unsere Sachen und machen uns auf zum Strand. Flo und ich packen als einzige die Badehosen ein. Während die Anderen am Strand noch etwas frösteln, ziehe wir uns bis auf die Badehose aus und verschwinden in der Nordsee. Ja, ist schon etwas bekloppt bei den Temperaturen, aber dafür ist schön viel Wellengang, der das Ganze sehr spaßig macht. Trotzdem ist es schweinekalt. Immerhin hat die Aktion den Vorteil, dass mir draußen so gar nicht mehr kalt ist und so schiebe ich dann mit Flo eine heiße Partie Beachball zu den Klängen von den Lokalmatadoren, Das Pack oder den Donots hinterher. Es ist einfach nur herrlich und es wird noch besser als wir feststellen, dass der blaue Himmel vom Meer zu uns herüberkommt. Yeah! Besser geht’s nicht. Nachdem zur Belustigung der anderen Strandbesucher (those Crazy Germans) noch jede Menge Tanzdarbietungen zu Liedern wie Felicità, YMCA oder Bohemian Rhapsody geliefert werden, sind wir hungrig und durstig zugleich und fallen in das nächste Strandlokal ein, wo wir so ziemlich die einzigen Gäste sind. Wir genießen die holländische Küche und sonnen uns auf der Terrasse. Das schöne Wetter steht uns allen schon bald ins Gesicht geschrieben. Als der blaue Himmel nachlässt, gehen die einen zum Bus und die anderen in ein Restaurant um sich noch Poffertjes und Pfannkuchen zu gönnen (das viele Sonnen hat wirlich furchtbar hungrig gemacht). Als es im Restaurant ans Bezahlen geht, schmeißt jeder seinen Essens- und Getränkeanteil in den Hut. Als wir zusammenrechnen, kommen wir aber auf einmal auf 50 € mehr. Hä? Wo kommt die wundersame Geldvermehrung her? Alle sind sich sicher nur ihren Beitrag beigesteuert zu haben. Der Fall gibt uns noch den ganzen Heimweg über Rätsel auf bis Marcy irgendwann mal seine Geldbestände zählt. Vor dem Schlafengehen inspizieren Flo und ich noch kurz die Rennstrecke, die sich direkt hinter unserem Campingplatz befindet bevor wir ausgiebig Duschen gehen und noch gemütlich eine Runde Streetfighter zocken. Morgen heißt es dann wieder: Round 8, Fight!

Dienstag, 28. Mai 2019

Amsterdam! Streik! Eigentlich war der Plan zunächst bis zu unserem Stellplatz an der Cruyff-Arena zu fahren und von dort aus mit der Tram bis ins Zentrum, doch heute ist Generalstreik und es fährt nichts. Keine einzige Bahn fährt. Und so lässt uns Christian netterweise direkt in der Stadt am Leidseplein raus. Etwas verstrahlt verlassen wir den Bus und suchen uns erstmal etwas zu frühstücken. Das finden wir dann auch in einer Bäckerei, die schnell unser Herz durch eine üppige Backwaren- und Süßspeisen-Auslage gewonnen hat. Danach ziehen wir weiter Richtung Bahnhof um noch einen Freund abzuholen. Es ist schon ein bisschen gespenstisch auf den Straßen, wenn keine einzige Tram und kein einziger Bus unterwegs ist. Auf dem Weg zum Bahnhof kommen wir an einem ex orbitanten Schuhladen vorbei, wo ich mir noch ein paar schicke neue Treter zulege (was will man machen?). Vom Bahnhof aus machen wir dann eine einstündige Grachtenrundfahrt, die wir vor allem dazu nutzen um die vorher eilig im Bahnhof besorgten Spirituosen in akzeptabler Kulisse zu vernichten. Dabei stellt sich einmal mehr heraus, dass Amsterdam durchaus eine Stadt ist, bei der man nicht gleich brechen muss. Hier hat man sich wirklich sehr viel Mühe gegeben. Leider geht die Bootsfahrt viel zu schnell vorbei. Dafür wartet am Anleger schon Nina auf uns und in der Stadt sammeln wir auch noch Laura, Tobi, Iris und Caro auf. So ist unsere kleine Ausflugsgruppe mittlerweile auf eine stattliche Größe angewachsen, die es jedoch auch schwierig macht sich auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen. So seile ich mich dann irgendwann ab um ins Rijksmuseum zu gehen (Rembrandt? Richtig!) Leider hat dies aufgrund des Streiks heute geschlossen. Na ja, so muss ich dann wohl noch was durch Amsterdam ziehen – sehr ärgerlich. Und so laufe ich von Brücke zu Brücke, von Gracht zu Gracht – die Sonne kommt raus, die Häuser flimmern. Kurzum: Es ist ein herrlicher Nachmittag. Gegen halb Acht komme ich dann im Paradiso an und treffe so ziemlich zeitgleich mit dem Rest ein. Das Paradiso ist einer der Orte, auf die ich mich auf dieser Tour ganz besonders gefreut habe. Ein altehrwürdiges Gebäude, genauer gesagt eine ehemalige Kirche, die mir von Livemitschnitten der Bad Brains oder Depp Jones bisher nur vom Namen her bekannt war. Und in der Tat enttäuscht mich der Club nicht: Ein wunderschönes Gebäude mit Kirchenfenstern hinter der Bühne und zwei ringsherum verlaufenden Rängen. Auch die Band ist ganz offensichtlich schwer angetan von diesem Anblick und der sich darin entfaltenen Stimmung. Zur Belohnung schenken sie uns mit Meine Freunde einen Song, den sie bisher auf dieser Tour noch nicht gespielt haben. Im ersten Song Rückkehr huldigen BelaFarinRod mit Radar Love von der holländischen Band Golden Earring einem ihrer Lieblingssongs, den sie schon in den 80ern gerne gespielt haben. Bei Abschied stimmt Bela Jeanny von Falco an, was das Publikum begeistert aufnimmt und noch lange nach ihm weitersingt. Vor seinem Vortrag von Der Graf bittet Bela das Publikum etwas um transylvanische Wald-Stimmung und so sollten die einen Wolfsgeheul imitieren, die anderen wie Fledermäuse schreien und wiederum andere auf Wunsch von Farin Pilze imitieren. Ja, die berühmten transsylvanischen Grusel-Pilze – wer kennt sie nicht. Bela, der mit einer Anzugshosenkombination in kurz und lang auftrumpfte, stimmt dann noch eine spontane Lobeshymne auf sich selbst an, in der er erzählt, dass es durchaus Abwerbungsversuche der Hosen gab, er aber lieber bei seiner Drei-Mann-Kapelle bleibt. Am Ende haben die Die Ärzte es geschafft auch diesen Club wieder in eine Sauna zu verwandeln. Wasser auf den Handläufen der Treppen außerhalb der Halle spricht jedenfalls eine eindeutige Sprache. Wir trinken dann noch einen kurzen Absacker am Leidseplein bevor wir wieder vom Bus aufgepickt werden. Heute heißt es pünktlich sein, denn wir müssen morgen früh die Fähre nach England kriegen.

Das Buch Ä.

Mein Buch über die Beste Band der Welt aus Berlin (aus Berlin!). Überall da, wo's Bücher gibt.

Vita.

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